Weinglas im warmen Licht - Weintasting
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Wie verkoste ich Wein richtig?

Der einfache Weintasting-Guide, ohne Snob-Vibes

Weintasting klingt nach Sommelier-Schule und gehobener Augenbraue. Ist es aber nicht. Im Kern geht es darum, einen Wein bewusster wahrzunehmen als nur "Mhm, gut" oder "Eh, naja". Mit etwas Methode merkst du innerhalb von Wochen, ob du eher Pinot- oder Syrah-Mensch bist und welche Aromen du magst. Hier kommt die einfache Anleitung.

Warum überhaupt richtig verkosten?

Bewusst degustieren heisst: anschauen, riechen, schmecken, einordnen, statt einfach zu kippen. Der Aufwand ist minimal, der Unterschied riesig. Konkret bringt es dir zwei Dinge.

Erstens lernst du deinen eigenen Geschmack besser kennen. Du merkst, dass dir vielleicht ein gerbstoffreicher Nebbiolo besser schmeckt als ein gefälliger Merlot. Eine kleine Superpower, weil du beim nächsten Restaurant-Besuch nicht mehr blind bestellst.

Zweitens erkennst du Qualität. Nicht jeder teure Wein ist gut, nicht jeder günstige schlecht. Mit etwas Routine merkst du, ob ein Wein im Gleichgewicht ist oder nicht.

Was du brauchst

  • Ein passendes Glas. Dünner Rand, nach oben enger werdende Bauchform, langer Stiel. Riedel, Schott Zwiesel oder ein Universalglas ab ca. CHF 15.
  • Wein bei richtiger Temperatur. Weissweine 8-12 °C, leichte Rote 14-16 °C, kräftige Rote 16-18 °C.
  • Eine neutrale Umgebung. Keine Räucherkerze, kein Currygeruch, kein starkes Parfum. Tageslicht ist top für die Farbbewertung.
  • Wasser und neutrales Brot zum Pause machen und Geschmack neutralisieren.

Verkosten mit allen Sinnen

Sehen, riechen, schmecken, einordnen. Vier Schritte, etwa eine Minute pro Wein.

01

Sehen die optische Phase

Halt das Glas leicht schräg über etwas Weisses (Tischdecke, Papier, Hand) und schau dir Farbe und Klarheit an. Junge Rotweine sind eher purpur oder rubinrot, ältere kippen ins Bräunliche. Weissweine: grünlich-gelb wenn jung, golden bis bernsteinfarben wenn älter. Trüb ist meist ein schlechtes Zeichen, ausser bei manchen Naturweinen, wo es gewollt ist.

Tipp. Die Tränen oder Beine, die am Glas runterlaufen, sagen vor allem etwas über Alkohol und Zucker. Mehr Tränen heisst mehr Körper, nicht automatisch bessere Qualität.

02

Riechen die olfaktorische Phase

Zuerst das Glas am Stiel kurz auf dem Tisch in kleinen Kreisen schwenken, das bringt Sauerstoff rein und löst die Aromen. Dann die Nase tief ins Glas und normal einatmen. Etwa 80 Prozent von dem, was wir schmecken nennen, ist eigentlich Geruch. Man unterscheidet Primäraromen (von der Traube: Frucht, Blüten), Sekundäraromen (aus der Gärung) und Tertiäraromen (aus der Reifung: Holz, Leder, Nuss). Es gibt kein richtig oder falsch.

Tipp. Wenn dir nichts einfällt, denk in Kategorien: rote oder schwarze Früchte? Frisch oder gekocht? Holz oder kein Holz? Gratis-Aromaräder im Netz helfen für den Wortschatz.

03

Schmecken die gustatorische Phase

Kleiner Schluck, den Wein im Mund hin und her rollen und etwas Luft mitziehen. So erreicht er den ganzen Gaumen. Achte auf das Mundgefühl: Süsse, Säure (macht frisch und lebendig), Tannin (die Gerbstoffe, das pelzige Gefühl bei Rotweinen), Alkohol (wärmt im Hals) und Körper (leicht wie Wasser oder voll und cremig?).

Tipp. Bei einer Profi-Degustation spuckt man, sonst ist man nach zehn Weinen besoffen. Im normalen Leben darfst du natürlich schlucken. Beides ist okay.

04

Abgang Nachklang und Fazit

Wie lange bleibt der Geschmack nach dem Schlucken? Kurz (unter 3 Sekunden), mittel (3 bis 7) oder lang (über 7). Ein langer Abgang ist meist ein Qualitätszeichen. Und dann das Wichtigste: kurz einordnen. War der Wein im Gleichgewicht (Säure, Tannin, Frucht, Alkohol harmonisch)? Würdest du ihn nochmal trinken? Drei Sätze als Notiz reichen.

Tipp. Eine eigene Skala hilft: 1 bis 5 Sterne und ein Stichwort. Nach 20 Weinen weisst du viel klarer, was DIR schmeckt. Und nur das zählt.

Die richtige Reihenfolge

Wenn du mehrere Weine verkostest, ist die Reihenfolge entscheidend. Ein wuchtiger Amarone zuerst, und du schmeckst den feinen Chasselas danach schlicht nicht mehr. Die Faustregeln:

  • Weiss vor Rot. Zuerst die Weissweine, dann die Roten. Schaumwein macht den Auftakt, falls vorhanden.
  • Leicht vor schwer. Innerhalb der Farbe vom leichten zum kräftigen Wein. Körper und Alkohol steigern sich, nicht umgekehrt.
  • Trocken vor süss. Süssweine ganz am Schluss. Nach einem Dessertwein wirkt jeder trockene Wein sauer und dünn.
  • Jung vor alt. Frische Weine zuerst, gereifte danach. So nimmst du die feinen Reife-Aromen noch wahr.

An einer Weinmesse heisst das: kurz die Standliste studieren und eine grobe Route legen, statt kreuz und quer zu degustieren.

Häufige Anfänger-Fehler

  • Weisswein zu kalt servieren

    Direkt aus dem Kühlschrank ist meist zu kalt. 20 Minuten vorher rausstellen. Bei zu kalt schmeckt selbst ein guter Riesling nach nichts.

  • Rotwein zu warm servieren

    "Zimmertemperatur" stammt aus einer Zeit ohne Zentralheizung. Heute hat ein Raum oft 22 °C, das ist für Rotwein zu warm. 16-18 °C ist richtig.

  • Zu viel ins Glas einschenken

    Etwa ein Drittel voll reicht. Du brauchst Platz zum Schwenken und Riechen. Vollschenken ist nicht grosszügig, sondern aromatechnisch ein Verbrechen.

  • Aromen erzwingen wollen

    Du musst keine Cassis, Veilchen und Pflastersteine riechen. "Rote Frucht und Holz" reicht. Vokabular kommt mit Übung.

  • Sich vom Preis täuschen lassen

    Blind-Verkostungen sind ehrlich. Probier einen 15-Franken- gegen einen 80-Franken-Wein ohne zu wissen welcher welcher ist. Manchmal überraschend.

So läuft ein Tasting-Event ab

Noch nie an einer Degustation oder Weinmesse gewesen? Halb so wild, das ist unkomplizierter als es klingt.

  • Glas und Standliste am Eingang

    An Messen bekommst du beim Eintritt ein Degustationsglas und meist eine Übersicht der Stände. Das Glas begleitet dich den ganzen Abend, oft darfst du es behalten.

  • Du bestimmst das Tempo

    An den Ständen schenken dir Winzer und Händler kleine Mengen ein. Fragen ist ausdrücklich erwünscht, die Leute hinter dem Stand reden gern über ihren Wein.

  • Spucken ist kein Affront

    Die Spucknäpfe stehen nicht zur Deko da. Wer viele Weine probiert, spuckt oder leert den Rest weg. Kein Winzer nimmt dir das übel, im Gegenteil, es wirkt souverän.

  • Pausen einplanen

    Wasser trinken, Brot essen, kurz an die frische Luft. Nach acht bis zehn Weinen am Stück schmeckt sonst alles gleich.

  • Gefällt dir ein Wein? Sag es

    An den meisten Events kannst du direkt bestellen, oft mit Messerabatt. Notier dir die Favoriten sofort, am nächsten Tag weisst du es sonst nicht mehr.

Mini-Vokabular

Tannin
Gerbstoff aus Schalen, Kernen und Stielen. Macht den Mund pelzig wie zu stark gezogener Schwarztee. Typisch bei Rotweinen.
Säure
Sorgt für Frische. Lass beim Schlucken Speichel laufen, dann merkst du sie am besten. Wenig Säure: weich. Viel: lebendig.
Körper
Wie schwer fühlt sich der Wein an, leicht wie Wasser oder cremig wie Milch. Hängt mit Alkohol und Extrakt zusammen.
Finish (Abgang)
Wie lange der Geschmack im Mund bleibt nach dem Schlucken. Langer Abgang ist meistens Qualitätsmerkmal.
Mineralität
Schwer zu fassen. Salzig, kreidig, steinig. Typisch bei guten Weissweinen aus kalkhaltigen Böden.
Korkfehler
Riecht nach feuchtem Karton oder muffigem Keller. Verdorben, zurück an den Händler. Kommt bei 1-3 % aller Korkverschluss-Flaschen vor.

Theorie ist nett. Jetzt üben.

Der schnellste Weg besser zu werden: an Tastings gehen. Geführte Degustationen, Weinmessen, Winzer-Anlässe. Auf weintasting.ch findest du laufend aktualisierte Termine aus der ganzen Schweiz, vom kleinen Winzer-Apéro bis zum Sound of Wine im Hallenstadion.

Häufige Fragen

Was ist Weintasting genau?

Weintasting (oder Weindegustation) ist das systematische Verkosten von Wein mit allen Sinnen. Statt einfach zu trinken, schaust du den Wein an, riechst, schmeckst und ordnest ihn ein. Ziel ist nicht möglichst viel Wein zu trinken, sondern Aromen und Qualität zu erkennen.

Brauche ich ein spezielles Weinglas?

Ein klassisches Bordeaux- oder Universal-Weinglas reicht völlig. Wichtig: dünner Rand, nach oben enger werdende Bauchform, langer Stiel. Ein gutes Glas ab CHF 15.

Wo kann ich in der Schweiz Weintasting erleben?

Auf weintasting.ch findest du laufend aktualisierte Weindegustationen, Weinmessen und Tastings aus allen Schweizer Regionen.

Muss ich Wein bei einer Degustation ausspucken?

Bei einer professionellen Degustation mit vielen Weinen ja. Bei einer geselligen Verkostung mit 3-4 Weinen über einen Abend kannst du normal trinken.

Wie viele Weine sollte ich an einem Abend verkosten?

Für Einsteiger 3 bis 5 Weine. Mehr wird überfordernd. Profis verkosten 50 bis 100, spucken aber konsequent aus.

Was ziehe ich an einem Weintasting an?

Normale, bequeme Kleidung, einen Dresscode gibt es praktisch nie. Wichtig ist nur: kein starkes Parfüm oder Aftershave. Das überdeckt die Weinaromen, für dich und für alle um dich herum.

Redaktioneller Inhalt von weintasting.ch. Basis: gängige Verkostungsmethodik (optische, olfaktorische und gustatorische Phase, ISO-Norm 3591 für Verkostungsgläser) und eigene Erfahrung. Keine Werbung, keine bezahlten Empfehlungen.